Bluebird Inn

Anfang Februar kann man die ersten Vögel wieder rufen und singen hören. Die Wintervögel, Meisen, Finken, Amseln. Bis die Zugvögel zurückkehren, dauert es bei uns noch eine Weile. In Nordamerika treffen die Bluebirds als erste aus ihren Winterquartieren ein und besetzen die Bruthöhlen und Nistkästen, manchmal eben bereits im Februar. Die Evolution hat sie darauf getrimmt, mögliche Konkurrenten um einen Wohn- und Nistplatz dadurch zu verdrängen, dass sie einfach zuerst da sind und sich breitmachen. In Bickleton, einem winzigen Ort im Hinterland des Columbia Rivers in Washington, wäre diese Eile vielleicht gar nicht angebracht, denn es gibt eigentlich genug Platz für alle? 1968 bereiste das Ehepaar Brinkerhoff die Gegend um zu botanisieren. Dann nagelten sie eine blecherne Kaffeekanne an einen Baum und schufen so den ersten Bluebird-Nistkasten der Gegend. Der Startschuss für eine große Leidenschaft: über 2000 Nistkästen sollen es inzwischen sein, weshalb sich Bickleton, rund 100 Einwohner, Welthauptstadt der Bluebirds nennt – oder der Hüttensänger, wie sie auf deutsch heißen. Überwiegend sind es Berg-Hüttensänger oder Mountain Bluebirds (Sialia currucoides), die häufigste Bluebird-Art im westlichen Nordamerika. (Nahezu alles Wissenswerte über Bluebirds gibt es bei Sialis.org

Wir sind vor ein paar Jahren hier vorbeigekommen, auf einer Fahrt columbiaabwärts nach Portland. Und haben eine Weile angehalten, auf einen Kaffee in der ältesten Kneipe des Bundestaates – die natürlich Bluebird Inn heißt. An einem Freitag gegen Mittag sitzen dort ca. 10-20 % der Einwohner von Bickleton und twittern wie die Bluebirds vor sich hin, bei Kaffee und Kartenspiel. Sehr nett dort. Die ganze Szenerie entlang der Hauptstraße lässt sich leicht verwechseln mit einer Filmkulisse, so archetypisch us-amerikanisch kam sie uns vor.

Der Bluebird taucht immer wieder auf in Kunst und Musik als ein Symbol für Echtes, Unverfälschtes, für eine tiefere Wahrheit und eine bessere, naturverbundenere Welt. Exemplarisch dafür steht ein Gedicht von Charles Bukowski von ca. 1992. Bukowski war ein Kultautor der 1960-80er Jahre, pures Anti-Establishment, eine irgendwie räudige Figur, die nirgends dazugehören wollte und es den Menschen schwer machte, ihn zu vereinnahmen. Im Gedicht Bluebird, das gar nicht zu seinen übrigen Texten passt, reflektiert er seinen Status: 

there’s a bluebird in my heart that / wants to get out / but I’m too tough for him, / I say, stay in there, I’m not going / to let anybody see / you.

Niemand darf wissen, dass es den Blauen Vogel gibt, tief in ihm, denn würde das bekannt werden, sei sein Geschäft dahin. Nur nachts, wenn alle anderen schlafen, darf er manchmal raus,

then I put him back, / but he’s singing a little / in there, I haven’t quite let him / die

Ganz sterben lässt er ihn nicht, sondern schläft ein mit ihm, insgeheim verbündet, 

with our / secret pact / and it’s nice enough to / make a man / weep, but I don’t / weep, do / you?

Explizit spricht er auch davon, dass er es sich nicht leisten kann, dass seine Verkaufszahlen in Europa (!) nach unten gehen, wenn er die Leute mit einer weichen Seite konfrontieren würde. Anti-Establishment als Produkt: Libertärer Kapitalismus fressen Seele auf?

Der Blaue Vogel symbolisiert eine andere Lebensmöglichkeit. Die älteste bekannte Darstellung eines blauen Vogels stammt aus der minoischen Kultur auf Kreta, der ältesten europäischen Hochkultur, und ist ca. 3.500 Jahre alt. Ein stark beschädigtes, nur teilweise erhaltenes Fresko aus dem Palast in Knossos, der Kopf wurde nachträglich ergänzt, was durchaus problematisch ist. Aus anderen, besser erhaltenen Fresken mit Vögeln leitet man ab, dass es sich um eine Felsentaube handelt, die hier dargestellt ist. Gut denkbar. Die Felsentaube ist auf Kreta seit jeher heimisch, ist die Urform unserer Haus- und Stadttauben, die immer noch wild lebend vorkommt, auch in der Umgebung menschlicher Siedlungen. Eine Vogelart, die mit der menschlichen Kultur seit sehr langer Zeit eng verbunden ist, nicht zuletzt als einfach verfügbarer Fleischvorrat.

Der polnische Autor Zbigniew Herbert hat Knossos 1964 besucht, in einer Zeit, als Bukowski auf dem Höhepunkt seiner Popularität war, sein Gedicht aber noch nicht geschrieben hatte. Von Herbert gibt es eine einfühlsame Beschreibung zum Blauen Vogel: der Vogel erscheine mit gestrecktem Hals auf einem Stein sitzend eingebettet in einen „unrealen Raum, wo die drei Aggregatszustände der Materie unablässig ineinander übergehen und sich vermischen, der Felsen mit dem Wasser, das Wasser mit der Luft. Und dazu noch die Pflanzen, Irisbüsche, Schilf, offene Kelche unbekannter Blumen schwingen in verschiedene Richtungen wie Notenlinien, wie Landschaftsnoten.“ Das sei eine „Idylle ohne mythologischen Kommentar, ohne böse Dämonen, ein dem Tod entrissenes Preislied auf das ewige Leben.“ Mithin ein Paradiessymbol. 

Ich bin mir deshalb auch nicht sicher bei der Felsentaube. Der Kopf, wesentlich für das Erscheinungsbild, wurde dazuinterpretiert. Auf den Referenz-Fresken sind nur fliegende Vögel mit eindeutigem Taubenschwanz dargestellt – der fehlt hier. Und es gibt da noch die Blaumerle, einen kleineren, drosselgroßen Vogel, der gelegentlich in Kreta vorkommt, eher selten aber auch bereits in der Antike bekannt. Er ist blau und sein bevorzugtes Habitat, felsige Schluchten, entspricht durchaus der Darstellung von Knossos? Er hat äußerlich große Ähnlichkeit mit dem amerikanischen Bluebird, im englischen Sprachgebrauch werden beide Vogelarten den Drosseln zugeordnet: thrush. Ist der Blaue Vogel vielleicht einfach ein europäischer Bluebird?

Herbert war insgesamt sehr angetan von der minoischen Kultur, die er als menschenfreundlich, friedlich, agrarisch, in sich ruhend und mit der Natur eng verbunden wahrnahm, im starken Kontrast zum Beispiel zu der zeitgleichen düsteren, aggressiven Raubritterkultur von Mykene auf dem griechischen Festland. Minoische Kunst erinnerte ihn an die heitere Kunst des Rokoko, der frühen Aufklärung, als es licht wurde in Europa.

Als das Internet eine noch eher fröhliche Schwatzbude war und man sich davon erhoffte, es möge der Aufklärung eher dienlich sein, kam auch Twitter in die Welt – mit seinem bekannten Logo. Das veränderte sich immer wieder etwas, blieb aber zuletzt stabil elf Jahre lang ein blauer Vogel. Das Logo sei vom Mountain-Bluebird inspiriert, heißt es. Da wird es, nach dem, was wir jetzt wissen, gleich ein wenig doppelbödig und komplex. Steht das Twittern nun für das unschuldige, harmlose, freundliche Schwatzen zugunsten einer besseren Welt? Oder haben sich da nicht recht schnell schon Platzhische bzw. Bluebirds breitgemacht, die die Stimmung vergiftet und Andersdenkende vergrämt, verdrängt, hinausgeekelt haben? Für Neo-Faschisten ist der freundliche blaue (Twitter-)Vogel ein Feindbild, weshalb er konsequenterweise ausge-x-t wurde, ersetzt durch das düstere Symbol einer postmykenischen Raubritterkultur, die die Leute auf Linie und in Kampfformation trimmen will.

Der Bluebird ist also nicht nur harmlos und harmoniesüchtig. Vielleicht hat Bukowski recht, dass wir unseren inneren Bluebird nicht vor uns hertragen sollten, aber bei uns sollten wir ihn in uns haben und hegen und pflegen. In Bickleton, vermute ich, war die Karte der letzten US-Wahlen auch eher rot eingefärbt und nicht blau. Hoffentlich behalten sie dort ihre freundliche Willkommenskultur der Nistkästen dennoch bei. Angebot schafft Nachfrage, aber Angebot nimmt auch den Druck raus. Friede den Hütten(sängern). Biodiversität ist für uns alle gut, so viel steht fest.

Erinnerung an Jess & Elva Brinkerhoff, Bickleton/WA. Bild: Christoph Bücheler

Literatur

Herbert, Zbigniew. Im Vaterland der Mythen – Griechisches Tagebuch, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1980.

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