Zwischen Birken und Espen

Wenige Tage vor dem Überfall Russlands auf die Ukraine waren wir im Konzert und ahnten noch nicht, was kommen wird. Noch nichts vom gewalttätigen Versuch, die Geschichte des 20. Jahrhunderts rückabzuwickeln, als hätte es die ganzen Verheerungen nicht gegeben. Es wurde eine russische Andacht gefeiert, mit Werken russischer Komponisten, die im 20. Jahrhundert längere Zeit im Exil lebten (und starben), sich deshalb aber nicht unbedingt grün waren untereinander. Das Konzert begann jedoch mit Mili Balakirews Islamey, das der Kritiker als „leer-effektvoll“ empfand, was in musiktheoretischer Hinsicht stimmen mag.

Mein Gehör ist weniger gut in der akustischen Analyse, meine Ohren sehen immer mehr, als dass sie hören. Das unaufhörliche Schwingen und Vibrieren der Musik, anschwellend, abebbend, auflebend – „wenn sie […] geräuschvoll dahinflutet und plappert und jedes ihrer Blätter, von diesem Fluten ergriffen, sich losreißen und gleichsam davonfliegen will.“ Doch er liebe diesen Baum, die Espe, „überhaupt nicht“, fügt Iwan Turgenew gleich hinzu, weshalb er den Espenwald ohne anzuhalten durchquert und sich dann zum Schlafen in einem nahen Birkenhain einrichtet. So geschildert in den „Aufzeichnungen eines Jägers“ – ich kann das Buch eigentlich an jeder Stelle aufschlagen, schon nach ein, zwei Sätzen verliere ich mich verwundert in der Steppe oder im Wald Russlands, einem Land, von dem ich keine Ahnung habe.

Ich fand einen Knick auf einer Seite, dort wo ich die Lektüre vor Jahren einmal unterbrochen habe. Die Geschichte von Pjotr Petrowitsch Karatajew, ein Trauerspiel von der grenzenlosen Dummheit aller Beteiligten, einer Dummheit, die klein und leise beginnt, dann immer lauter und schneller wird und endet mit den ganz großen Gefühlen eines Säufers, der sein heruntergewirtschaftetes Landgut verscherbeln musste und in der Hauptstadt verloren gehen wird. Und mir ist, als hätte Balakirew mit Islamey diese Geschichte vertont – „leer effektvoll“ als Regieanweisung beigegeben.

Die Geschichten, die der „Jäger“ erzählt, handeln eigentlich nur von Menschen, die plan- und ziellos (oder mit unzureichenden Plänen), gequält, benutzt, armselig in der Gegend herumirren, heimatlos in ihren Heimatbezirken Kaluga und Orjol oder davongelaufen in Moskau oder St. Petersburg. Der Jäger zeichnet präzise Naturstudien vom Licht- und Schattenspiel im Birkenwäldchen, von den Lindenhainen, wo sich die Waldschnepfen aufhalten usw. Er ist der einzige, der die Natur in ihrer Vielfalt sieht, alle anderen quälen sich nur durch indifferenten Sumpf, Morast, Steppe, meist rücksichtslos, meist verzweifelt, egal ob arm oder reich. Der Jäger sieht die Natur und er sieht die Menschen, nimmt alles wahr und zeichnet eine Landkarte seines Jagdreviers Russland. 

Blätter der Zitterpappel – Baum des Jahres 2026 (Bildautor: H.-R. Müller; Quelle: Baum des Jahres)

Um die damalige Jahreswende herum jährte sich der Tod meines Großvaters zum achtzigsten Mal. Ende 1941 ist er im Bezirk Kaluga verloren gegangen, im Graben einer Landstraße oder zwischen den Häuschen eines Dorfes. Ein Grab gibt es bis heute nicht. Die Rote Armee hatte in diesen Tagen eine entscheidende Wende des Krieges erzwungen und trieb eine erschöpfte Wehrmacht vor sich her nach Süden, weg von Moskau. Neunzig Jahre früher schreibt Turgenew über die Espe (Populus tremula), oder Zitterpappel, wie sie heute meist heißt, mit ihrem „graugrünen, metallischen Laub, das sie so hoch wie möglich hebt und wie einen zitternden Fächer in der Luft ausbreitet; ich liebe nicht das ewige Schwanken ihrer runden, unsauberen Blätter, die so ungeschickt an den langen Stielen sitzen…“ 

Die Espe erscheint kalt, abweisend, fremd. Nicht natürlich gewachsen, sondern schlecht konstruiert, fast mutwillig zusammengeschraubt. Ganz anders als die Birke (Betula pendula) mit ihrem „zarten, seidigen Schimmer […] Das Laub der Birken war noch fast grün, wenn auch merklich verblaßt; nur hier und da sah man eine einzelne junge Birke ganz in Rot und Gold prangen, und man muß gesehen haben, wie grell sie aufleuchtete, wenn die Sonnenstrahlen plötzlich durch das engmaschige Netz der feinen, erst eben vom leuchtenden Regen reingewaschenen Zweige drangen„. Das ist die naturwüchsige ur-russische Heimat. Unter einem tiefhängenden Birkenast, der ihn vor dem Regen schützen kann, verfällt der Erzähler in jenen ruhigen, sanften Schlaf, der nur den Jägern allein bekannt ist…

Moor-Birkenwald im Nationalpark Bayerischer Wald

„Das Stelldichein“ erzählt vom Spannungsverhältnis zwischen Land und Stadt, Tradition, Verwurzelung, Verlust, fragwürdigem Fortschritt, unsicherer Zukunft. Die Birken repräsentieren die Verlässlichkeit der Tradition (ein auch hierzulande bekanntes Motiv aus der volkstümlichen Musik), die Espen stehen für eine kalte, schwankende, technokratische Zukunft. Am Ende der Geschichte erhebt sich ein stoßweiser Wind, „die dem Felde zugekehrte Seite des Gehölzes zitterte und leuchtete kräftig, aber nicht grell“ – Attribute der Espe, die Turgenew anfangs bereits schildert, kehren hier wieder, begleitet von anderen Attributen des Herbstes, also einer Wende in den Jahreszeiten hin zur Kälte. 

Und jetzt? Die viel besungene Birke wird wegen zunehmender Pollenallergien in einer unzureichend immunisierten Bevölkerung immer mehr aus den Städten vertrieben. Der Klimawandel verläuft auch nicht zu ihren Gunsten, als Flachwurzlerin ist sie auf immer genügend Wassernachschub angewiesen (wie auch die Fichte), die Trockenheit der letzten Jahre hat vielen alten Birken den Garaus gemacht. Hohe weiße Birken werden weniger werden, als Strauch in frühen Phasen der Bewaldung wird es sie noch lange geben.

Und die Espe/Zitterpappel? Ist viel anpassungsfähiger und wird als „Zukunftsbaum“ gehandelt. Ihr technokratisches Image wird sie damit nicht los und ihr Charme erscheint auch mir eher herb. Ein Espenhain wirkt eher wie eine militärische Formation, so ziemlich das Gegenteil einer Vorstellung vom Hain, in dem man sanft entschlummern oder ein Schäferstündchen halten möchte. Aber die Espe ist nicht wählerisch, ist wie die Birke ein sog. Pioniergehölz, mit noch ausgeprägterem Überlebenswillen, ein typisches Gewächs auf Brachflächen, verwahrlosten Geländen. Signalisiert dort die Rückkehr der Natur, wo der Mensch sich abgewandt hat. Für die Biodiversität ist sie also keinesfalls von Nachteil. Ein Baum der Stunde also? Auf jeden Fall Baum des Jahres 2026.

Im Herbst kann die Espe für eine Weile unglaublich betörend erröten. Das kräftige, aber nicht grelle Leuchten, das Turgenew beschreibt, könnte am Ende ein optimistisches Bild sein? Die Zukunft wird anders sein, aber sie kann auch leuchten, wenn wir uns mit der Natur geschickt arrangieren.

Literatur: Turgenew, Iwan. Aufzeichnungen eines Jägers, Frankfurt am Main: Insel Verlag, 2001.