Das Julius-Kühn-Institut – Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen- in Dresden hat in einer Pressemitteilung vom 30.9.2009 die Gründung eines „Apfelnetzwerks“ zur Bewahrung der Sortenvielfalt der heimischen, geschätzt 1000 Apfelsorten angekündigt. An mindestens zwei Standorten sollen sie angepflanzt werden, um das Überleben der Sorten für die Zukunft zu sichern. Die Sorten sollen künftig in der Deutschen Genbank Obst archiviert werden, dort kann man jetzt schon die Vielfalt der Kirsch- und Erdbeersorten recherchieren. Und angeblich kann man sich über das Institut sogar Reiser bestellen, um sich seinen garantiert sortenechten Lieblingsapfel selber zu veredeln. So leistet man einen kleinen Beitrag zum Sortenerhalt und sorgt vor allem für mehr Wohlgeschmack in der Obstschale.

In der Sonntaz von diesem Wochenende erinnert sich Maria Rossbauer aus diesem Anlass an „Die Äpfel der Kindheit“, besonders an den klebrig-süßen Geschmack des Apfelsafts, den die Eltern aus den Gravensteiner-Äpfeln im eigenen Garten mosten ließen (wofür der Gravensteiner eigentlich zu schade ist, aber wenn man genug davon hat…). Sie hatte allerdings Glück, denn sie durfte/musste den Saft nur trinken, die Eltern nahmen ihr offenbar die mühsame Arbeit des Apfelklaubens ab. Bei mir werden da ganz andere Erinnerungen wach, aus der Zeit, als meine Eltern eine Baumreihe auf einer großen Streuobstwiese besaßen. So um die zehn Bäume herum müssen das gewesen sein, hauptsächlich Äpfel, ein, zwei Birnen, vielleicht auch eine Zwetschge dabei. Und das meiste war kein vornehmes Tafel- sondern Mostobst, üppig tragende Sorten mit oft kleinen Früchten, die Äpfel sauer und hart, die Birnen entweder steinhart oder süß und und schnell matschig, immer ein Hort der Wespen, selbst spät noch.
In diesen Herbsttagen wie jetzt war Erntezeit und ein oder zwei Samstage zog die Familie zum Großeinsatz aus, jeder musste mithelfen. Mir kommt es vor, als sei immer scheußliches Wetter gewesen, Temperatur um die fünf Grad, kalter Wind, das hohe Gras nass, die Äpfel oft schon wie überwachsen, lagen in tiefen Kuhlen zwischen den langhalmigen Grasbüscheln und man musste jeden einzeln herausklauben. Eine Sorte wurde als „Trierer Mostapfel“ bezeichnet, deren Äpfel waren besonders klein, zahlreich und deshalb gefürchtet. Es war nie ein Ende der Klauberei abzusehen. Und dennoch: Sack um Sack füllte sich, während die Freunde im Fußballstadion waren oder sonst irgendwo herumhängten. Der Geruch der feuchten Jute, des nassen Grases, der manchmal schon angefaulten, angegorenen Früchte bestimmt das Erinnerungsbild. Dazu noch immer die Empfindung der kalten Luft im Gesicht, die klammen Finger, die kalten Füße. Aber am Abend war die Pritsche des VW-Transporters voll mit Säcken und Kisten. Und als Gegenleistung gab es aus der Mosterei reichlich Saftkisten fürs ganze Jahr und sogar noch Bargeld obendrauf, so viele Zentner hatten wir abgeliefert. Es war für uns Kinder eine einträgliche Arbeit, dennoch äußerst ungeliebt.
Inzwischen ist die Baumreihe längst verkauft, aber ich glaube, sie steht noch, jetzt aber unmittelbar neben der neu ausgebauten Umgehungsstraße. Ob es dort den Trierer Mostapfel noch gibt? In meinem jetzigen Stadtgärtchen ist gerade eben Platz für einen Apfelbaum, eine Goldparmäne, die ich vor ein paar Jahren gepflanzt habe, nicht zuletzt um die Erinnerung an den Geruch der feuchten Jutesäcke wachzuhalten. Die Goldparmäne gilt als eine unserer ältesten Sorten, sie soll schon um 1500 in der Normandie entstanden sein und heißt in Frankreich „Reine des Reinettes“, ist also so etwas wie eine Königin unter den Äpfeln. In geschmacklicher Hinsicht ist sie das sicherlich, es gibt kaum einen Apfel mit angenehmerem und komplexerem Aroma, finde ich. Und sie wächst zu einem formschönen, nicht allzu großen Baum heran, der das richtige Maß hat, um hoffentlich noch lange Zeit in den Gärten der Städte weiterzuleben. Also: Reiser bestellen!
