Bilderstarke Bergwanderung auf dem GR 55 über den Col de la Vanoise (2516m) unter dem eindrucksvollen Massiv der Grande Casse (3855 m) entlang in den freundlichen Ferienort Pralognan la Vanoise. Reine Gehzeit 5 h, T2, s. Tourdetails.




Ein schmackhafter Gang, den wir vor drei Jahren in Teilen schon einmal gemacht hatten und gerne noch einmal zu uns nehmen wollten. Diesmal tatsächlich von der Ostseite her heraufsteigend, wie wir uns das damals schon gewünscht hatten. Es ist recht frisch, als wir losgehen an der Hütte, und das Tal liegt noch im Bergschatten. Wir müssen ein kleines Stück zurückgehen bis zum Pont de Croé Vie, einer alten Steinbrücke, und dann über eine Geländestufe ca. 300 hm einen Serpentinenpfad hinaufsteigen. Auch dies ein alter Salzpfad und entsprechend gehfreundlich angelegt, nie sehr steil. Es ergeben sich noch einmal tiefe Einblicke ins Vallon de la Leisse mit seinen großen Schuttkegeln, durch das wir gestern heruntergekommen sind, auf der von hier aus kaum erkennbaren dünnen Pfadlinie. Am oberen Rand des Abhangs zeugt ein alter Bunker von früheren Kriegssorgen, jetzt liegen dort drei Steinböcke in der Morgensonne.
Dann geht das Gelände in ein Hochtal mit dem schönen Namen Mollard de la Loza über, das sich mit nur flachen Steigungen bis zum Col de la Vanoise hinaufzieht. Ein Bach plätschert über runde Steine, immer wieder kleine Seen und Sümpfe, überragt von den Felswänden und Schuttkaren der Pointe Mathews (3701 m), einem Vorgipfel der Grande Casse. Vermutlich Wissenschaftler stechen dort Bodenproben aus, daneben weiden Schafe, hier ganz ungeschützt. Große Landschaft und weite Ausblicke in die Berge nach Osten.



Vor Mittag erreichen wir das Refuge du Col de la Vanoise, die Küche hat noch geschlossen und der Tageswanderer-Ansturm setzt gerade erst ein. Vor drei Jahren empfanden wir das hier alles noch sehr entspannt, jetzt gewinnen wir bald den Eindruck, dass wohl sehr viel los ist – zu viel? Das Holzdeck zur Zentralisierung des Biwakierens, vor wenigen Jahren errichtet, hat man bereits wieder aufgegeben: das Biwakieren um die Hütte ist seit diesem Jahr ganz verboten. Das liegt vermutlich v.a. an Instagram und den dort gehypten Trends. Das Biwakieren gehört dazu und der Lac des Vaches etwas weiter unten, mit seiner Trittsteinreihe durch den fast ausgetrockneten See. Sehr viele Menschen steigen nur herauf, um schnell das Selfie vor Seekulisse zu machen, ein ziemlicher Rummel dort. Weniger beachtet wird vermutlich die großartige Westflanke der Grande Casse mit dem Glacier des Grands Couloirs und seinen bis zum Lac Long herunterziehenden Seitenmoränen. Auch hier kann man den dramatischen Gletscherschwund sehr gut ablesen. Und diesmal haben wir sogar das Glück, dass sich Madame nicht in Wolken hüllt: grandios! Beim Abstieg auf dem Pfad in der gigantischen, bis 200 m hohen Seitenmoräne des Glacier de la Grande Casse entdecken wir ein Edelweiß versteckt im Schutt. Dennoch taucht der Gedanke auf, dass die früher beschworene Majestät der Berge inzwischen viel verloren hat von Großartigkeit und Würde. Die einstigen „Eisriesen“ werden mehr und mehr zu einfachen Schuttbergen. Kümmert’s wen?




Trotz allem bleibt der Weg das Hochtal hinunter zum Refuge des Barmettes ein schöner, wir müssen uns nur immer wieder eine Ausweichspur suchen. Wir rasten ein paar Schritte abseits vom Weg und lassen die Horden passieren, die der Bergbahn zustreben. Der restliche Abstieg von der Bergstation des Genépi-Sessellifts nach Pralognan durch den Bergwald zieht sich, aber auch das kennen wir schon, nehmen das stoisch hin, denn wir wissen: unten liegt die Bar mit dem Bier á la Monaco. Morgen ist Ruhetag, dann soll das Wetter vorübergehend sehr schlecht werden mit viel Regen, wir wissen noch nicht recht, wie es weitergeht.
