Regentag in Pralognan-la-Vanoise

Wir streichen die nächsten beiden Etappen (75 + 76), weil eine schwere Unwetterfront erwartet wird, mit Starkregen, Gewittern, Schnee in den Hochlagen über ca. 2.400 m. Heute wollten wird das Tal des Doron aufwärts gehen bis zum Refuge de Péclet-Polset (2474 m), morgen dann über den Col de Chavière (2796 m), unserem höchsten bislang geplanten Passübergang. Der ist eigentlich nicht schwierig, unser Gastgeber meint aber, dass das felsige Gelände dort nicht ungefährlich sei, wenn es friert. Wir wägen lange ab und entscheiden uns dann für die sichere Variante. Auch weil wir zwei Tage länger in unserem wirklich freundlichen Hotelzimmer bleiben können. Ein wenig Durchhängen tut auch mal gut.

Die Berge sind wolkenverhangen, es regnet schon am Vormittag. Eine gute Gelegenheit um sich im Ort ein wenig umzusehen und das kleine Nationalparkzentrum zu besuchen. In der Vanoise wurde 1963 der erste Nationalpark (NP) Frankreichs eingerichtet. Erste Bestrebungen gehen auf die 1930er Jahre zurück, um die Steinböcke zu schützen, die aus dem benachbarten Gran-Paradiso-Nationalpark in Italien eingewandert waren. Der war bereits 1922 gegründet worden, eben zum Schutz der letzten ursprünglichen Steinbock-Population der Alpen. Die Kernzonen der NP Vanoise und Gran Paradiso, die direkt aneinander grenzen, sind mit 1250 km² das größte zusammenhängende Naturschutzgebiet Europas. Freilich geht es längst um mehr als nur um den Schutz einer einzelnen Art. Das ganze Ökosystem der Hochalpen steht im Fokus und der Veränderungsdruck, dem es ausgesetzt ist, wird untersucht und eng überwacht.

Parc nationaux EN DANGER warnt ein Transparent an der Fassade des Nationalparkzentrums. Was ist damit gemeint? Aktuell vor allem die künftige Finanzierung, weil der französische Staat sparen muss und wie so oft wird beim Naturschutz zuerst gestrichen. Die Zukunft der NP scheint gefährdet. Das mag man sich kaum vorstellen. Gefährdet ist in der Vanoise aber auch die schiere Substanz durch den Klimawandel und seine Folgen. Die Vanoise ist noch recht großflächig vergletschert, obwohl die Gipfel nirgends die 4000 m Marke erreichen. Allein der Gletscherkomplex der Glaciers de la Vanoise ist über 10 km lang und ca. 2 km breit, er bildet das Herzstück des NP. Doch wie überall schmelzen auch hier die Gletscher rasant ab. Der Glacier de Gébroulaz oberhalb des Refuge de Péclet-Polset wird seit mehr als 100 Jahren wissenschaftlich überwacht. In den Jahren 2022, 2023 und 2024 hatte er die stärksten Verluste jemals zu verzeichnen, allein im letzten Jahr eine Abnahme der Eisdecke um 2,1 m über die ganze Gletscherfläche gerechnet. Seit 1907 hat die Eisdecke um fast 50 m abgenommen. (Quelle: PN de la Vanoise)

Das Wasser geht unwiderbringlich verloren, die Berge verlieren wegen der Erwärmung ihren Halt, Flora und Fauna verändern sich auch ohne direktes Zutun des Menschen. Der alpine Lebensraum insgesamt ist gefährdet, auch als Lebensraum der Menschen. Im NP-Zentrum wird dies möglichst niedrigschwellig vermittelt und es gibt v.a. für Kinder interaktive Stationen, alles recht überschaubar.

Filmankündigung „Sauvage“. Foto: Christoph Bücheler

Weil wir in Pralognan geblieben sind, kommen wir am Abend noch in den Genuss eines speziellen Highlights, das ganz hierher passt. Die Bergnatur-Filmer-Familie Lapied zeigt im voll besetzten örtlichen Kino ihren preisgekrönten Film Sauvage – Le Chamois, l’Aigle et le Loup von 2023. Er wurde über 10 Jahre in den NP Gran Paradiso und Vanoise gefilmt und kommt seinen Protagonisten, den Gemsen, Adlern und Wölfen sehr nahe. Ein Film von großer Intensität, ein fast immersives Eintauchen in die Wildheit der Bergnatur.

Die Bergnatur tobt auch draußen, als wir das Kino verlassen: ein heftiger Gewittersturm fegt durchs Tal, mit peitschendem Regen und krachenden Donnern. Vielleicht doch gut, dass wir hier unten geblieben sind.

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