Münchner Stadtspaziergang zur großen Demo gegen Rechtsextremismus. Am Weg liegen einige Orte, die an den Terror von rechts erinnern, von der Zeit des Nationalsozialismus bis in die Gegenwart.

Ganz München hat sich heute in der Innenstadt zu einem großen Sonntagsspaziergang getroffen. Zwischen Odeonsplatz und Münchner Freiheit, auf gut 2 km Länge stockte der Fußgängerverkehr auf voller Straßenbreite. Kein Vor und Zurück mehr. Mit Auswirkungen in die Nebenstraßen und in die U-Bahnstationen, so dass auch dort nichts mehr ging. Mindestens 100.000 Menschen standen herum, vielleicht auch doppelt so viele, dennoch: kein einziger Wutbürger weit und breit.
Mit so vielen Spaziergängern hatte niemand gerechnet, also musste die Veranstaltung vorzeitig abgebrochen werden. Bevor der eigentliche Gang durch Schwabing beginnen konnte, wurden wir wieder heimgeschickt. Da verlief sich dann alles wieder in großem Gewusel in allen Gassen, Passagen und Nebenstraßen. Ali Mitgutsch, der Großmeister der Wimmelbilder, der einmal in der Türkenstraße gewohnt hat, hätte seine Freude beim Blick aus dem Fenster gehabt. München war groß, freundlich, entspannt und ganz und gar bei sich.
Wir haben unseren Weg zur Demo und zurück so gestaltet, dass wir im Vorbeigehen einige Orte besuchen konnten, die mit dem Nationalsozialismus und neueren rechtsterroristischen Gewalttaten verbunden sind und daran erinnern. München hat da, leider, einige zu bieten.
26.09.1980, Oktoberfest-Attentat (Theresienwiese).

Als am späten Abend viele Menschen auf dem Heimweg waren, explodierte am Haupteingang zur Theresienwiese eine Bombe. 13 Menschen starben, 221 wurden teils schwer verletzt. Der Anschlag gilt als der bislang schwerste Terrorakt in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, verübt von einem rechtsextremen Studenten. Dennoch war seine Aufarbeitung eine zähe Geschichte, im Freistaat wird die Gefahr von rechts gerne ausgeblendet. Zum 40. Jahrestag des Oktoberfest-Attentats wurde von der Stadt die Dokumentation Oktoberfest-Attentat am Ort des Geschehens eingerichtet, mit vielen Hintergrundinformationen. Die 234 Silhouetten stehen für die vom Anschlag betroffenen Menschen. Im Trubel der Wiesn übersieht man sie leicht, doch es lohnt sich unbedingt dort hinzuschauen, wenn es ruhig ist und helles Licht über der Festwiese steht.
22.07.2016 OEZ-Anschlag (Gedenkort Dienerstraße)

Für einige Stunden versetzte das Geschehen im Olympia-Einkaufszentrum die ganze Stadt in Angst und Schrecken, weil nach den islamistischen Anschlägen in Paris (Bataclan) schnell Vermutungen ins Kraut schossen, es würde ähnliches geschehen und es seien mehrere Orte betroffen. Am Ende war es ein junger Einzeltäter, ein rechtsextremistischer Rassist. Ähnlich wie beim Oktoberfest-Attentat wurde dies zunächst als isolierte Einzeltat hingestellt, in diesem Fall als eine Art Amoklauf. Erst nach und nach wurde klar, dass der Täter systematisch nach rechtsextremem Muster gehandelt hatte. Neun Menschen, meist Jugendliche starben. Die Angehörigen und Überlebenden haben sich in der Initiative München Erinnern! zusammengeschlossen, drei von ihnen haben bei der heutigen Demo eindringlich gesprochen. Im Januar 2023 konnte die Initiative im Neuen Rathaus in der Dienerstraße einen Gedenkort eröffnen, in einem von der Stadt vorübergehend zur Verfügung gestellten Ladengeschäft.
09.11.1923 Hitler-Putsch (Feldherrnhalle/Odeonsplatz)
Das Geschehen des 8./9. November wirkt im Nachhinein wie ein Menetekel für den Albtraum, der dann folgen sollte. Mehr aus politischem Kalkül denn aus echter Überzeugung wurde der Aufstand der Faschisten um Hitler mit Polizeigewalt erstickt und nachher auch nicht systematisch aufgearbeitet. Im Gegenteil: Hitler konnte seine kurze Haft nutzen, um seine finsteren Gedanken von Vernichtung und Vertreibung ausformulieren. An der Feldherrnhalle am Odeonsplatz war jedoch zunächst einmal Endstation für ihn. Vier Polizisten und 15 Putschisten starben, dazu ein unbeteiligter, zu neugieriger Kellner.
18.02.1943 Weiße Rose (Aula der Universität, Ludwigstraße)

In einem Anfall von Übermut hatte Sophie Scholl einem Stapel von Flugblättern, die sie mit ihrem Bruder Hans ausgelegt hatte, einen Schubs gegeben, so dass sie vom obersten Stockwerk in den weiten Raum des Lichthofs der Aula hinabsegelten. Was zu ihrer Entdeckung und Verhaftung führte. Das Nazisystem machte kurzen Prozess, bereits am 22. Februar wurden die Geschwister Scholl hingerichtet, mit und nach ihnen weitere Mitstreiter. Der Lichthof und die umliegenden Hörsäle sind bis heute Alltagsräume des Universitätsbetriebs. Und zugleich wichtigster Gedenkort für die Aktivitäten der Weißen Rose im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Viele Teilnehmer verließen die Demonstration heute, in dem sie die Passage von der Ludwigstraße durch die Aula in die Amalienstraße wählten. Kein schlechter Gedanke, sich auf diese Art noch einmal rückzuversichern.
08.11.1939 Georg-Elser-Platz (Türkenstraße)

Die gesamte NS-Prominenz saß dicht gedrängt beim Bier im Bürgerbräukeller in Haidhausen, um dem „glorreichen“ Hitler-Putsch von 1923 zu gedenken, als um 21:20 Uhr eine Bombe explodierte. Acht Menschen starben, 57 wurden verletzt. Hitler hatte etwa eine Viertelstunde vorher den Ort verlassen. Gefährlicher für ihn war kein Anschlag als der des Schreiners Georg Elser. In der Türkenstraße 94 hatte Elser zuletzt gewohnt, in der Nähe, am Georg-Elser-Platz, erinnert eine Wandinstallation an ihn und seine Großtat, die ihn das Leben kostete. Jeden Abend zum Zeitpunkt der Explosion leuchtet sie für eine Minute lang hell auf. Ein Gedenkort, der im bunten Feiertreiben der Türkenstraße gerne übersehen wird.
