Wilderness Road: Jonesborough/TN

Wilderness Road, die Route, die hunderttausenden Siedlern die Schleuse nach Westen öffnete, in die vermeintliche Wildnis, die altes Kulturland der vorkolumbianischen Bevölkerung war. Nun hat ein immenser Hurrikan die Route gekreuzt und den Begriff der Wilderniss Road ganz neu besetzt. Die Wildnis bahnt sich ihren Weg und kehrt als zerstörerische Natur zurück, fordert ihre Rechte ein?

Der Hurrikan Helene vom 27.09.2024 hat einen Vorgeschmack gegeben, auf das, was kommt. Noch nie ist ein solcher Sturm mit solcher Gewalt und Regenmenge so weit ins Landesinnere gezogen. Mit voller Wucht ist er gegen die südlichen Appalachen geprallt und hat im Grenzgebiet von North Carolina und Tennessee bis zu 450 l/m² abgeregnet, mit der Folge schlimmer Überflutungen, vieler Opfer. Besonders betroffen die Region um Asheville, das ging durch die Medien. Eine Einwohnerin hat der NYT berichtet, sie sei vor 16 Jahren aus Kalifornien hierher gezogen, weil sie dachte, bis hierher würde der Klimawandel sich niemals auswirken.

Jonesborough Main Street, August 2007

Um die Zeit, als die Dame eine neue Bleibe in der Gegend suchte, sind wir in der Gegend unterwegs gewesen, etwas weiter nördlich im östlichsten Zipfel von Tennessee, dort wo der Sturm dann nach Kentucky hinein, abgedreht hat. Wir reisten auf der historischen „Wilderness Road“, der ersten Verbindung für die Kolonisten von der Ostküste nach Kentucky und in den gesamten Mittleren Westen. Erschlossen von dem Mann, der Vorbild für die literarische „Lederstrumpf“-Figur wurde, Daniel Boone. 1775 begann er damit. 1776 erkärten sich die USA unabhängig. 1779 wurde Jonesborough gegründet und ist damit die älteste Stadt von Tennessee. Sie liegt an einem südlichen Abzweig der Wilderness Road, der sich „Great Valley Road“ nennt und ins Tal des Tennessee-River führt.

Jonesborough ist im Zentrum gut erhalten, pittoresk, ikonisch. Appalachia in a nutshell könnte man sagen, so, wie sich die Hillbillies ihr Amerika vorstellen, damals wie heute. Auf den ersten Blick. Dann liest man, dass die Stadt stolz ist auf ihre Tradition der Weltoffenheit und Willkommenskultur. So hätten sich Mitte des 19. Jh. zwei jüdische Migrantenfamilien aus Bayern angesiedelt, die zuvor in Virginia diskriminiert worden waren. In Jonesborough habe man sie gerne aufgenommen und sie hätten ein blühendes Geschäft aufgebaut. Und seit 1973 findet hier jährlich das National Storytelling Festival statt mit zehntausenden Besuchern, inzwischen ergänzt um das International Storytelling Center als feste Institution. Schönes Beispiel also, wie komplex und manchmal überraschend anders alles ist, man darf es sich nie einfach machen. Mehr zur Geschichte des Ortes auf der Website: https://www.jonesboroughtn.org

Der Ort selbst ist nur im äußersten Süden des Gemeindegebiets von Überschwemmungen betroffen, noch wird an der Wiederherstellung der Infrastruktur, insbesondere der Wasserversorgung gearbeitet. Aber das diesjährige Storytelling Festival, das an diesem Wochenende (4.-6.10.24) hätte stattfinden sollen, musste kurzfristig abgesagt werden, wegen der Verwüstungen der Infrastruktur in der ganzen Region.

Nach einem kurzen Morgenspaziergang die Main Street rauf und runter, haben wir das Herzstück der Wilderness Road unter die Räder genommen in Richtung Cumberland Gap, dem Passübergang ins Gelobte Land jenseits der Appalachen. Auch „Helene“ hat hier die Appalachen überquert, um dann in Kentucky allmählich zu verebben. Aktuell meldet die Verwaltung des Cumberland Gap National Historic Park , dass die Beseitigung der Sturmschäden, hier vor allem viele umgestürzte Bäume, auf Hochtouren läuft, viele Wege sind schon wieder geöffnet, insbesondere der Daniel Boone Trail und der Wilderness Road Trail. Man lässt sich nicht unterkriegen, doch wie wird das künftige Kräftemessen verlaufen, zwischen Wildnis und dem, was wir noch Zivilisation nennen?