Bergwanderung auf dem GR 55 ins Zentrum des Vanoise-Nationalparks über den Col de la Leisse (2758 m), auf gutem Pfad durch rauhes Gelände. Reine Gehzeit 5 3/4 h, Schwierigkeit T2, s. Tourdetails



Die eigentliche GR5-Route führt weiter nach Val d’Isère und vollzieht dann eine ausholende Schleife entlang der Südseite der Vanoise. Wir kürzen ab, mitten hinein und hindurch, auf dem GR55. Am Morgen ist Tignes noch still und der See ist ein glatter Spiegel. Das Partyvolk muss noch lange schlafen, nur die Yoga-Truppe streckt sich in die Morgensonne. Am Ufer entlang spazieren wir hinüber in die Skistation Val Claret, die fast nur aus Wohntürmen besteht. Dort wird weiter kräftig gebaut, so dass wir uns den Weg durch die Baustellen ein wenig suchen müssen. Wir biegen ein in das Tal unter der Nordseite der Grande Motte (3627 m) und folgen eine ganze Weile der Trasse des Fresse-Lifts, der die Downhill-Biker auf den Berg schaufelt. Dort, wo der Weg vom Tovière-Höhenrücken über den Col de Fresse herunterkommt, beginnt für die meisten Bergbahn-Wanderer die Rückkehr ins Tal, während wir nun wieder in stillere Regionen hinausziehen dürfen, hinauf zum Col de la Leisse.





Starke Bilder lösen einander ab: wir blicken hinauf zum geschundenen Gletscher der Grande Motte. Wie alle ist er stark zurückgegangen, dennoch wird der Sommerskibetrieb aufrechterhalten, die Gondel fährt und eine Pistenraupe quert unser Sichtfeld, wirkt auf uns wie ein Rover auf dem Mond. Unterhalb unseres Pfads erstreckt sich der kleine Talboden la Masuin, wo sich hunderte Schafe tummeln. Genau darüber öffnet sich für eine Weile der Blick zurück zum Mont Blanc und den Grandes Jorasses, die wir auf dem letzten Abschnitt unserer Tour vor acht Jahren passiert hatten. Mit dem Col de la Leisse (2758 m) überschreiten wir den bislang höchsten Pass auf unserem Weg seit München. Hier oben ist die Landschaft noch spürbar geprägt von der einstigen Vergletscherung. Die mächtige Seitenmoräne des früher weit herunterreichenden Grande-Motte-Gletschers begleitet uns eine ganze Weile bis zum Lac des Nettes, vermutlich der Rest der nacheiszeitlichen Gletscherzunge. Es geht über eine kleine Geländestufe hinab in den ebenen Plan des Nettes, wo wieder Schafe weiden. Den Hütehund versetzen wir etwas in Aufregung, die Schutzhunde interessieren sich zum Glück nicht für uns und bleiben ruhig neben dem Weg liegen wie auch der alte Schäfer.



Unter der Roche Blanche liegt gut geschützt vor Lawinen das Refuge de la Leisse (2487 m). Das Personal macht gerade Mittagspause, so dass wir es bei einem Schluck aus der eigenen Wasserflasche belassen. Ein Schutzhund der Schafherde von oben gönnt sich wohl auch eine Pause und streift durch die kleine Schar dort rastender Wanderer, auf der Suche nach einem Happen oder ein paar Streicheleinheiten. Dann steigen wir weiter ab und folgen bis zum Tagesziel dem einsamen Pfad durch das Vallon de la Leisse, einem markanten, tief eingeschnittenen Tal unter den 1500 m hohen ostseitigen Abbrüchen der Grande Casse (3855 m), der Königin der Vanoise. Diese Hänge sind dunkel, fast düster, mit riesigen Schuttfächern, unter denen an einzelnen Einbrüchen dicke Eispackungen sichtbar werden. Urtümliches Gelände dort jenseits des Bachs, während unser Weg bequem zu gehen ist. Schließlich öffnet sich das Leisse-Tal allmählich in das Tal des Termignon, das von Süden her tief in die Vanoise-Berge hineinreicht.



Wir befinden uns nun quasi im Zentrum des Vanoise-Nationalparks. Dort liegt, im Kreuzungspunkt der Wege, das Refuge d’entre Deux Eaux (2122 m), eine alte, privat geführte und steingedeckte Berghütte, gut besucht heute, aber nicht voll. Ein einfacher kalter Schlafsaal, alternativ ein Biwakplatz neben der Hütte, gut belegt. Gutes Essen, ein warmer Holzofen, nette Gespräche an den Tischen, an die man platziert wird. Kühler Abend, kaum wird es dunkel, liegen wir schon in unseren Schlafsäcken. Gestern nacht Partylärm, heute die Schlafgeräusche einer „nuit refuge“.
