Refuge de Rosuel > Tignes-le-Lac (MT 72)

Bergwanderung auf dem GR 5 in der Vanoise, teils im Nationalpark, über den Col du Palet (2653 m). Auf dem Pass wird klar: Eine Landschaft mit zwei Seiten, wie bei einer Medaille. Welche ist die schönere, wertvollere? Reine Gehzeit 5,5 h, Schwierigkeit T2, s. Tourdetails.

Auf der Hütte wird früh aufgebrochen, ein prächtiger Tag steht bevor, so sind wir schon um acht unterwegs, was uns viel Zeit lässt. Die ersten zwei Stunden steigen wir, meist noch im Bergschatten und ohne große Mühe, die ersten knapp 600 Höhenmeter um eine Geländekante herum in das enge Tal des Ponturin unterhalb des Dôme de la Sache (3473 m). Im Plan de la Plagne weitet es sich allmählich, hier bildet der GR5 genau die Grenze zum Nationalpark – das wissen die beiden Jungs, die flott und querfeldein heraufgestiegen sind und ihre Angeln an aussichtsreicher Stelle in den dort noch ungeschützten Bach werfen. Jenseits des Bachs verläuft der Weg zum Lac de la Plagne, mit seiner Hütte dahinter ein beliebtes Ausflugsziel derer, die mit dem Auto bis Rosuel fahren. 

Wir ziehen auf der weniger begangenen GR-Route weiter. Plan de la Grassaz heißt die nächste Geländestufe, dort weidet eine große Herde Jungrinder. Der Lac du Grattaleu liegt idyllisch in einem kleinen Talkessel, dahinter zieht der Weg hinauf zum Col du Palet. Die Landschaft wird mit jedem Schritt größer, weiter, ergreifender. Kurze Kaffeepause beim Refuge du Col du Palet: vor drei Jahren wollten wir diese Tour eigentlich schon machen, da musste die Hütte kurz nach Saisonöffnung wieder schließen, wegen Wassermangels – ein Grund, weshalb wir sie in diesem Dürresommer ausfallen ließen. Jetzt ist die Wasserversorgung mit einem neuen Speicher verbessert und der Hüttenwirt meint, es würde bis Saisonende (in 3 Wochen) gerade so reichen. 

Noch ein kurzer Anstieg, dann erreichen wir den Col du Palet, verlassen wieder den Nationalpark und wechseln hinüber in das Areal der Espace Killy, eine der größten Skiarenen der Alpen. Krasser Wechsel. Hinter uns eine Landschaft, in die so gut wie nicht mehr eingegriffen wird. Vor uns eine Landschaft, die für den Massentourismus seit Jahrzehnten instrumentalisiert, zugerichtet, deformiert wird, mit allerorts sichtbaren Beschädigungen, die wiederum Folgemaßnahmen auslösen usw. Es gibt Menschen, die finden eine solche Landschaft schöner, einerseits weil leichter erreichbar, andererseits, weil man damit Geld verdienen kann. Der französische Weg ist es, solche touristischen Einrichtungen an wenigen Punkten zu zentralisieren und optimal auszubauen. Drumherum bleibt jede Menge wenig erschlossene Landschaft. Im deutschsprachigen Raum herrscht eher die Tendenz vor, es überall allen recht zu machen, die Rückzugsräume für Natur werden systematisch ausgedünnt. Was ist besser? Ich will es nicht weiter vertiefen und lasse die Bilder sprechen. In Tignes wird jedenfalls genossen und gefeiert, mit Yoga am See, jeder Menge Downhill-Strecken und was ein rechter Funpark halt sonst noch braucht. Der Sommertourismus macht nur einen Bruchteil des Winters aus, da seien es 30.000 Gäste pro Woche, sagt man uns.

Wir wollten das sehen und den Kontrast erleben. Haben uns dazu einquartiert im ältesten Haus am See, dem Hotel le Refuge, das einmal eine Berghütte war, vor hundert Jahren, ganz in den Anfängen des hiesigen Tourismusbooms Hier haben wir besten Blick auf des bunte und bis weit in die Nacht auch laute Treiben vor großer Bergkulisse. Wir sind froh, dass wir morgen wieder weiterziehen dürfen, hinein ins Hinterland.

Tourdetails

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